Typische Pflegekraftaufgaben: Mobilisieren, Waschen, Wundversorgung. Essenreichen wird gerade von Laien oft vergessen oder unterschätzt. Dabei ist es eine sehr verantwortungsvolle Aufgabe.

Nicht einfach „Füttern“

„So schwer kann das ja nicht sein“, denken wohl viele Angehörige, wenn es um die Aufgabe des Essenreichens geht. Insbesondere, wenn man die Tätigkeit mit dem täglichen Mobilisieren teils stark bewegungseingeschränkter Menschen vergleicht, dem Waschen, das gerade zu Beginn noch mit einigen Schamgefühlen einhergeht oder der Wundversorgung, die ein großes medizinisches Know-how verlangt. „Füttern“, wie es fälschlicherweise oft vereinfacht genannt wird, scheint da im Vergleich geradezu anspruchslos zu sein.

„Essen kann ja schließlich nicht so schwer sein, oder?“

Eben doch. Essenreichen ist eine komplexe pflegerische Aufgabe, die Fachwissen und Einfühlungsvermögen erfordert. Es gibt viele Dinge, die, wenn man sie nicht beachtet, das Essenreichen zum Risiko machen können. Achtet man aber darauf, kann der Vorgang das Vertrauensverhältnis zwischen Pflegekraft und Pflegebedürftigen nur stärken.

Häufige Probleme

Oft genannte Beschwerden durch Betroffene zum Thema Essen sind zu große Portionen (sowohl auf dem Teller als auch auf dem Löffel), eine unentspannte Atmosphäre beim Essen, zum Beispiel weil es zu laut ist, oder weil zu viele Menschen im Umkreis hin- und herhetzen. Das häufigste Problem scheint jedoch eines zu sein: Es geht zu schnell. Entweder, weil tatsächlich noch gar nicht gekaut und heruntergeschluckt werden kann, bevor die nächste Portion kommt oder einfach, weil überhaupt keine Zeit bleibt das Essen richtig zu schmecken, geschweige denn zu genießen. Das liegt nicht nur am Zeitdruck, unter dem Pflegekräfte häufig stehen, sondern vor allem auch an einem körperlichen Aspekt:

Schwächere Muskulatur

Man denkt im Alltag nicht darüber nach, aber auch unser Schluckapparat ist Muskulatur. Und diese muss trainiert werden. Das geschieht bei gesunden Menschen auch ganz von selbst: Schätzungsweise 1500 bis 2000mal am Tag führt der Mensch eine Schluckbewegung aus – Und zwar auch ohne etwas zu Essen. Wir schlucken normalerweise mehrmals pro Minute unseren eigenen Speichel hinunter. Meist geschieht das völlig unbewusst und es hilft, den Mund von Keimen, Schmutz und Essensresten zu befreien.

Im Alter wird dieser Automatismus aber durch mehrere Faktoren eingeschränkt: Zum einen nimmt die Speichelproduktion oft ab, sodass das Bedürfnis zu Schlucken seltener aufkommt. Das hat zur Folge, dass der Muskelapparat nicht mehr so gut trainiert wird – Zusätzlich noch zu der Tatsache, dass die Muskelkraft generell abnimmt. Als Resultat steigt im Alter das Risiko, sich zu verschlucken: Hierauf muss beim Essenreichen also geachtet werden.

Weniger, dafür öfter

Je nach Fitness und Gesundheitszustand des pflegebedürftigen Menschen kann das Essen aus ebendiesen Gründen zudem sehr anstrengen. Es kann also helfen, lieber öfter weniger zu Essen, als seltener viel: Statt drei großen Mahlzeiten können fünf kleinere deutlich entspannter sein und am Ende sogar noch Zeit und Nerven sparen.

Mit dem Kopf bei der Sache

Beim Essenreichen gibt es viel zu beachten, denn es gilt, das Risiko sich zu verschlucken zu minimieren. Wichtig hierfür ist eine aufrechte Körperhaltung und eine leicht erkennbare und eindeutige Konsistenz der gereichten Speisen.

Ebenfalls häufig beanstandet wird, dass Pflegekräfte mit dem Kopf woanders sind, wenn es ums Essenreichen geht. Das ist in Anbetracht der Umstände durchaus verständlich, schließlich ist der Ablauf an sich recht monoton. Der Ablauf sollte jedoch abgesehen davon, dass man alle wichtigen Regeln einhält, nie zur Hauptsache werden. Im Zentrum steht immer der Mensch. Bereits eine richtige Körperhaltung kann hier wahre Wunder wirken: Die essenreichende Person sollte seitlich sitzen, der Teller stets im Blick sein. Wer es schafft, dass sich das Essenreichen weniger wie Füttern und mehr wie gemeinsam Essen anfühlt, hat in punkto Empathie als Pflegekraft bereits schon einiges Gutes geleistet.