Denen helfen, die Hilfe benötigen – Das ist die Grundmotivation von vielen Menschen, die im Pflegejob arbeiten. Diese Motivation auszuleben, erfüllt und gibt ein gutes Gefühl. Wer aber immer anderen hilft, dem fällt es oft umso schwerer, selbst Hilfe anzunehmen. Woran das liegt und was zu tun ist, wenn wir Hilfe brauchen und uns dabei selbst im Weg stehen.

Anderen helfen ja, sich selbst helfen lassen… lieber nicht

Anderen zu helfen, die Hilfe dringend benötigen, die nicht mehr oder vorübergehend nicht für sich selbst sorgen können – Das erfüllt und ist für viele Pflegekräfte der primäre Grund für ihre Jobentscheidung. Das befriedigende und nachhaltig gute Gefühl, das sich nach einer „guten Tat“ einstellt, ist Balsam für unser Belohnungssystem. Daran ist grundsätzlich nichts auszusetzen. Anderen helfen zu können, zeugt von Kompetenz, Wissen, Kraft und Erfahrung. Über dieses Können zu verfügen – darauf darf man stolz sein.

Entsprechend bescheiden werden viele jedoch, wenn es darum geht, selbst Hilfe anzunehmen. Der eigene Stolz und die (vermutete) Erwartungshaltung der anderen bremst uns und verleitet oft dazu, es viel zu lange „selbst zu versuchen“ und erst Hilfe zu suchen, wenn es gar nicht mehr anders geht. Dabei ist es egal, ob es um fachliche Fragen, seelische oder körperliche Belastungen geht – Nicht um Hilfe bitten zu wollen, ist tief in uns verankert.

Warum wir nicht um Hilfe bitten wollen

So unterschiedlich die Menschen sind, so unterschiedlich sind die Gründe, nicht um Hilfe bitten zu wollen. Grundsätzlich haben wir jedoch alle eine Sache gemeinsam, die tief in uns verankert ist: Wir wollen keine Schwäche zeigen. Niemand ist gerne mit Fehlern und Makeln behaftet und möchte schwach wirken. Hilfe zu benötigen, nagt an unserem Selbstwertgefühl.

Ängste halten uns auf: Angst um den Ruf, Angst vor Abhängigkeit, Angst vor Ablehnung.

Insbesondere im Job ist das Bitten um Hilfe bei fachlichen Fragen zusätzlich oft mit der Angst verbunden, dass die Kompetenz leidet. Diese Angst um den guten Ruf und die Sorge, anschließend in der Schuld von jemand anderem zu stehen, verhindern oft, dass wir die eine kleine Frage stellen, die uns weiterhelfen würde: „Kannst du mir helfen?“

Hinzu kommt, dass viele auch schon schlechte Erfahrungen gemacht haben, als sie jemanden um Hilfe gebeten haben. Entweder wurde ihre Bitte abgelehnt oder sogar belächelt. Diese oft unbewusste Angst vor Ablehnung beeinflusst das Verhalten zusätzlich.

Um Hilfe zu bitten, zeigt Größe

Es ist wichtig, sich eine Sache wirklich bewusst zu machen: Um Hilfe zu bitten, ist kein Zeichen von Schwäche – Ganz im Gegenteil! Nur wer die Stärke hat, sich selbst Hilfe zuzugestehen und gezielt darum zu bitten, der zeigt Größe. Denn aus den genannten Gründen braucht die Bitte um Hilfe oft viel Persönlichkeit, Stärke und Mut.

Um an diesen Punkt zu gelangen, hilft es, sich Folgendes bewusst zu machen: Jeder braucht mal Hilfe. Das sieht man im Pflegejob doch tagtäglich bei der Arbeit. Es gibt niemanden, der nie Hilfe braucht. Es stimmt zwar, dass das Annehmen von Hilfe uns je nach Umständen abhängig macht (weshalb auch oft eine große Portion Vertrauen dazu gehört). Aber ebendieses Helfen und sich helfen lassen bewirkt eine besondere Verbindung von Menschen. Das Helfen gibt ein gutes Gefühl – warum nicht mal anderen dieses Gefühl zugestehen?

Konkrete Schritte, um sich Hilfe zu suchen

Sich selbst Hilfe zuzugestehen, um Hilfe zu bitten und Hilfe anzunehmen, ist ein Lernprozess. Je nachdem wie tief die Überzeugung „Wenn ich Hilfe brauche, wirke ich schwach“ verankert ist, kann es länger dauern, oder schneller gehen, den „inneren Schweinehund“ zu überwinden.

Es hilft, sich für das jeweilige Problem den passenden Ansprechpartner zu suchen. Wer im ersten Schritt lieber anonym um Hilfe bitten möchte, findet heutzutage online einige Anlaufstellen. Bei allen fachlichen Fragen und auch seelischen und körperlichen Belastungen, die den Job betreffen, lohnt es sich jedoch, mit einem Kollegen zu sprechen. Oft kennen diese die Situationen aus eigener Erfahrung. Dann haben sie vielleicht konkrete Tipps parat. Oder man merkt, dass man mit der Situation nicht alleine ist, und es okay ist, bestimmte Fragen oder Gefühle zu haben. Auch das kann bereits helfen, bevor einem das Problem über den Kopf wächst.