Wer in der Pflegebranche arbeitet, sollte ein empathischer Mensch sein. Dies ist notwendig, um den Beruf mit Leib und Seele ausüben zu können. Was passiert jedoch, wenn das Bedürfnis zu helfen krankhaft wird und der Mensch sich immer wieder selbst aufopfert, um seine Mitmenschen zufrieden zu stellen? Und wo zieht man die Grenze zwischen angemessener und unverzichtbarer Hilfsbereitschaft und krankhaftem Helfersyndrom?

Helfersyndrom – eine „Berufskrankheit“ von Pflegekräften?

Grundsätzlich gilt: Hilfsbereitschaft sollte selbstverständlich sein! Und insbesondere im Pflegejob ist Hilfsbereitschaft und der Wunsch, helfen zu wollen, der wichtigste Beweggrund für den anstrengenden Job und die beste Grundlage für eine gute, ganzheitliche Pflege. Pflegekräfte verbringen einen Großteil ihrer Zeit mit ihren Patienten. Da kann es durchaus mal vorkommen, dass die eigene Familie kürzer kommt. Wenn dies jedoch zu einem Dauerzustand wird, und die eigenen Bedürfnisse ins Hintertreffen geraten, dann kann es sein, dass derjenige vom Helfersyndrom betroffen ist.

Nicht der Beruf bedingt das Syndrom, sondern die Veranlagung des Menschen.

Das Helfersyndrom kommt prinzipiell in allen Bevölkerungsschichten und in verschiedenen Berufen vor. Es tritt zwar besonders häufig in sozialen Berufen auf, jedoch bedeutet dies nicht, dass es sich hierbei um eine Berufskrankheit handelt. Denn nicht das Arbeitsumfeld, sondern vielmehr die entsprechenden Verhaltensmuster der Menschen begünstigen das Helfersyndrom. Und häufig engagieren sich Menschen mit den entsprechenden Verhaltensmustern in sozialen Berufen und sind deshalb besonders gefährdet. Viele unterschätzen die Gefahr des Syndroms jedoch und ahnen gar nicht, wie die gute und notwendige Hilfsbereitschaft als Pflegekraft zu einer Krankheit werden kann.

Was versteht man unter einem „Helfersyndrom“?

Das „Helfersyndrom“ wurde erstmals im Jahre 1977 von dem Psychoanalytiker Wolfgang Schmidbauer beschrieben. Unter dem Begriff versteht man negative Auswirkungen übertriebener Hilfe gegenüber einem Menschen. Jemandem zu helfen und seine Hilfsbedürftigkeit zu erkennen, ist an sich eine gute Sache. Aber die eigenen Bedürfnisse für das Wohlbefinden anderer dauerhaft zurückzustellen ist schlichtweg ungesund.

Das Helfersyndrom liegt also vor, wenn der Betroffene nicht „Nein“ sagen kann und sich nur dann wertvoll fühlt, wenn er anderen Menschen helfen kann. In den meisten Fällen leiden dann die persönlichen Bedürfnisse darunter und der Betroffene steht in der Gefahr, regelrecht ausgenutzt zu werden.

Ursachen & Risiken des Helfersyndroms

Die Gründe für ein Helfersyndrom sind sehr vielseitig, meistens aber psychologisch bedingt. Der Betroffene versucht sich stets unter Beweis zu stellen, indem er als Helfer durch den Alltag geht. Hier identifiziert er sich vollständig mit seiner Rolle, jedoch nicht mit sich selbst.  Er ist der festen Überzeugung: Je mehr er anderen hilft, desto besser wird er sich fühlen. Die meisten Menschen mit einem Helfersyndrom haben ein geringes Selbstbewusstsein und versuchen durch ihre Hilfsbereitschaft Wertschätzung von außen zu erhalten.

Eine andere mögliche Ursache ist der unbewusste Wunsch nach Macht. Dies findet statt, wenn andere Menschen auf die Hilfe des Betroffenen angewiesen sind. Weiterhin gibt es Menschen, die unter depressiven Verstimmungen leiden und sich durch ihre Hilfsbereitschaft einen Lebenssinn und eine Ablenkung erhoffen. Aber auch Ängste können durch Hilfsbereitschaft verdrängt werden. Wenn der Betroffene sich voll und ganz auf die Probleme anderer konzentriert, bleibt keine Zeit mehr für die eigenen.

Wenn die eigenen Bedürfnisse, statt die der anderen, der Grund für das Helfen sind.

Bei den meisten Menschen wird bereits in der Kindheit ein Grundstein für ein Helfersyndrom gelegt. Wenn einem beispielsweise schon im Kindesalter das Gefühl gegeben wird, für das Wohlbefinden anderer verantwortlich zu sein und man lernt, dass nur dann der Mensch ein guter Mensch ist, wenn er sich selbstlos für andere aufopfert. Dies kann sich dann negativ auf die spätere Lebenslaufbahn auswirken.

Zwei Formen der Hilfe – solidarisch vs. pathologisch

Um zwischen der positiven und der potenziell schädlichen Hilfe und Hilfsbereitschaft zu unterscheiden, werden zwei Formen von Hilfe definiert: Die solidarische und die pathologische Hilfe. Der pathologische Helfer braucht stets eine Bestätigung im Leben über seinen Wert. Die Hilfsbereitschaft von ihm bewirkt für ihn selbst jedoch mehr Leid als Nutzen. Der Helfer schafft zwar durch seine Art und Weise die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken und dadurch seine unbewussten psychologischen Bedürfnisse zu befriedigen. Jedoch ist ihm nicht klar, dass er sein Leben für andere aufopfert.

Die solidarische Hilfe geschieht hingegen aus anderen Beweggründen – wie die Verbundenheit mit anderen und aus der Empathie für das Gegenüber heraus. Der Helfer stellt hierbei jedoch bewusst temporär die eigenen Bedürfnisse zurück, ohne dabei in die völlige Aufopferung zu verfallen. Die pathologische Hilfe ist hingegen auf die unbewussten psychologischen Bedürfnisse des Helfers ausgerichtet. Die Befriedigung dieser Bedürfnisse ist bei der pathologischen Hilfe die treibende Kraft, wohingegen diese Bedürfnisse bei der solidarischen Hilfe im Hintergrund bleiben. Die Grenzen zwischen den beiden Hilfeformen sind allerdings häufig fließend.

5 Tipps, um sich vor dem Helfersyndrom zu schützen

Im Folgenden ein paar Tipps, um dieses Syndrom so gut es geht aus dem Alltag zu beseitigen und wieder ein gesundes Gleichgewicht zwischen Privatleben und Hilfsbereitschaft zu schaffen:

  1. Selbstwertgefühl stärken. Jeder Mensch sollte seinen eigenen Wert kennen und wissen. Jeder Mensch ist auf seine eigene Art und Weise wertvoll und wichtig. Niemand muss sich unter Beweis stellen und dadurch seinen Wert bestätigen. Jedes Individuum sollte auch mal auf seine eigenen Bedürfnisse eingehen können, ohne sich dabei schlecht zu fühlen. Dies ist menschlich und für ein erfülltes Leben wichtig.
  2. Selbstliebe. Ganz klar: Wer sich selbst liebt, braucht keine Bestätigung von Mitmenschen und ist unabhängiger. Es muss nicht jeder Wunsch von den Lippen abgelesen werden, um geachtet zu werden. Wer sich selbst mit all seinen Stärken und Schwächen akzeptiert, wird stärker!
  3. Bewusstsein. Die eigene Verletzbarkeit sollte nicht an Patienten übertragen werden, die überbeschützt werden. Pflegekräfte mit Helfersyndrom erhoffen sich dadurch eine Gegenleistung, und zwar die sehnlich vermisste Zuneigung. So ganz nach der Devise: Ich werde Helfer, weil mir nicht geholfen wurde. Sich selbst über diese Gedankengänge bewusst zu werden ist der erste Schritt zu einer ausgewogeneren Helferbeziehung.
  4. Grenzen setzen. Ein „Nein“ macht niemanden zu einem schlechten Menschen. Nicht jedem muss geholfen werden. In einem Beruf, in dem das Helfen der Kern des Aufgabengebietes ist, gilt es, die Grenzen von professioneller und darüber hinausgehender, persönlicher Hilfe zu setzen und auch zu kommunizieren.
  5. Selbst Hilfe annehmen. Jeder braucht mal Hilfe. Selbst um Hilfe zu bitten, ist kein Zeichen von Schwäche. Aber auch mal Schwäche zu zeigen, sollte kein Tabuthema sein. Lesen Sie hierzu auch unseren Artikel „Gesundheit für Pflegekräfte: Selbst Hilfe annehmen lernen

Balance ist das Schlüsselwort!

Jemand anderem zu helfen stellt ein Grundmuster der zwischenmenschlichen Beziehungs­Dynamik dar. Schon in den ersten Lebenstagen ist der Mensch auf Hilfe von anderen angewiesen, um zu überleben. Die Art und Weise der Hilfe, die wir selbst benötigen und anderen gewähren, verändert sich ein Leben lang, spielt aber immer eine essentielle Rolle in zwischenmenschlichen Beziehungen. Diese solidarische Hilfe ist wichtig, um in unserer Gesellschaft gesund, glücklich und zufrieden zu sein bzw. zu bleiben.

Wer also anderen Menschen Gutes tun möchte, muss erst bei sich selbst anfangen! Jeder Mensch muss die Verantwortung für sich selbst übernehmen, denn nur dann kann er positiv auf sich und seine Umwelt wirken. Das wichtigste ist, zu lernen, wie wertvoll man selbst ist und dass eine Bestätigung von außen nicht Ziel und Sinn des eigenen Lebens ist. Die Balance zwischen Selbstakzeptanz und Erfüllung der eigenen Bedürfnisse sowie Empathie und Offenheit für andere und ihre Bedürfnisse ist also tatsächlich das Schlüsselwort.