Es wird heiß debattiert, wie die Pflege aussehen soll und aussehen kann. An jeder Ecke gibt es Probleme, für die Lösungen gesucht werden. Schauen wir zu unseren Nachbarn, den Niederländern, dann sieht man ein Pflegemodell, welches unfassbar erfolgreich ist und bereits in Kanada, Australien, der Schweiz und Italien umgesetzt wurde.

Hogeweyk, ein Dorf wie kein anderes

Die Sonne scheint und erheitert die Anwohner eines kleinen, aber gemütlichen Dorfes. Eine ältere Dame kommt aus einem der Häuser und läuft mit gezieltem Gang die Straße entlang, am Café, Friseur, Theater und der Post vorbei, direkt in den Lebensmittelladen. Dort packt sie behutsam ein paar Äpfel in ihre Einkaufstasche. Nahe der Theke stehen ein paar Menschen und unterhalten sich. Die Dame läuft an der Theke vorbei und geht einfach raus. Ohne zu bezahlen. Keiner tut etwas und es klingelt auch kein Alarm. Noch dazu hat das kleine Dorf nur einen Eingang, welcher Tag und Nacht bewacht wird. Ganz schön ungewöhnlich…

Gewöhnliches Leben in einem ungewöhnlichen Dorf

Jedoch nicht hier, nicht in einem der sogenannten Demenz-Dörfer. Hier ist das normal, denn die Anwohner müssen für die Ware nicht bezahlen. Sie vergessen das manchmal und das ist auch nicht weiter schlimm. Das Ur-Dorf Hogeweyk befindet sich in Weesp, direkt an Amsterdam angrenzend. Die Idee dazu entstand 1992, als Yvonne van Amerongen und eine Pflegekraft über den Tod von van Amerongens Eltern und den von Patienten sprachen.

Ein Jahr später bereits war die Idee ausgereifter. Van Amerongen und ihre Mitstreiter stellten in Brainstorming-Sessions fest, dass sich Leute am besten fühlten, wenn sie in ihrer gewohnten Umgebung waren und mit Menschen sein konnten, die ihnen ähnlich waren. Das erste Demenz-Dorf öffnete 2009 seine Türen.

Wie lebt es sich in so einem Dorf?

Das Modell hat sich innerhalb kurzer Zeit als extrem erfolgreich gezeigt. Die Anwohner, soweit nur Demenzkranke, sind gesünder, brauchen weniger Medikamente und leben länger als ihre gleichaltrigen Leidensgenossen. Die Umstellung, nicht mehr zu Hause zu wohnen, sondern in diesem Dorf, fällt ihnen leicht. Denn die Häuser, in denen sechs bis acht Bewohner ihre Zimmer haben, sind alle an unterschiedliche Lebensstile angepasst. Es gibt sieben Hausmodelle:

  1. Stedelijk, für diejenigen, die urbanes Leben gewohnt sind
  2. Goois, nach dem niederländischen aristokratischen Stil hergerichtet
  3. Ambachtelijk, für diejenigen, die als Handwerker und Kaufleute tätig waren
  4. Indisch, angepasst an Anwohner, die aus Indonesien und Niederländisch-Indien stammen
  5. Huiselijk, für Hausfrauen und -männer
  6. Cultureel, für alle, die im Bereich Theater und Kino gearbeitet haben
  7. Christelijk, für Menschen, bei denen der Glaube eine große Rolle im Leben gespielt hat

Somit ist für jeden eine ihm vertraute Umgebung vorhanden, sodass die Umstellung und Einfindung in die neue Lebensphase leichter fällt. Die Pflegekräfte übernehmen Rollen im Dorfleben und sind nicht als klassische Pflegekräfte sofort erkennbar. Sie tragen keine Uniform und sind nicht nur in der Kapazität als Pfleger/in tätig. Manche arbeiten im kleinen Lebensmittelladen als „Verkäufer“, im Restaurant als „Kellner“ und im Haus sind sie meist als „Haushaltskraft“ tätig.

Demenzerkrankte und Pflegekräfte bilden eine Dorfgemeinschaft.

Das hilft, das Leben so normal wie möglich zu gestalten. Die Anwohner sind von normalen Menschen umgeben und nicht von Unbekannten, die in Uniformen gekleidet sind und somit schnell befremdlich wirken.

Selbst die Pflegekräfte, die mit den Demenzkranken zusammen in einem der Häuser leben, tragen keine Uniform. Fragt ein Patient mal, was los ist und wer die Pflegekräfte sind, so antworten diese mit Wahrheit und spielen nichts vor. Letztlich ist das in den meisten Fällen aber bald wieder vergessen.

Ein paar Fakten über das Dorf

  • Das Hogeweyk Dorf in Weesp eröffnete 2009
  • Es können bis zu 152 Demenzkranke im Dorf leben
  • Es gibt doppelt so viele Pfleger wie Anwohner
  • Es gibt 23 Häuser bzw. Apartments
  • Jedes Haus bzw. Apartment ist für sechs bis acht Menschen, d.h. Anwohner und Pflegekräfte
  • Es gibt sieben Hausmodelle, jedes ist speziell an einen Lebensstil angepasst
  • Es gibt 25 Clubs, die Anwohner dazu anregen, sich auszutauschen und aktiv zu sein
  • Es gibt nur einen Ein- bzw. Ausgang, welcher rund um die Uhr bewacht wird
  • Der Bau kostete 19.300.000€. 17.800.000€ stellte der niederländische Staat zur Verfügung und weitere 1.500.000€ kamen durch wohltätige Zwecke und Sponsoren hinzu
  • Monatliche kosten pro Einwohner belaufen sich auf 5.000€

Demenz-Dörfer in aller Welt

Inzwischen wird auch in Tasmanien, Australien, ein solches Dorf gebaut. Dazu wird ein altes, heruntergekommenes Dorf umgebaut, welches seit Jahren leer steht. Das Dorf wird dort nicht nur der alternden Bevölkerung zugutekommen, sondern auch den lokalen Geschäften, welche für das Dorf engagiert werden. Auch hier wird es ein Restaurant geben, Café, Kino, Theater und alles andere was eine jede Stadt hat.

In Kanada, Italien und der Schweiz haben solche Dörfer ebenfalls bereits ihre Türen geöffnet, es gibt sogar ein Dorf, welches das Leben der 1950er nachbildet.

Die Niederländer sind sehr innovativ, was die Pflege angeht und es gibt noch weitere interessante Konzepte. Das Dorf ist sicherlich das innovativste, welches sehr schnell besonders positive Ergebnisse verbuchen konnte. Es ist somit nicht nur eine gute Idee mehr solcher Dörfer zu bauen – auch hier in Deutschland – sondern die Grundidee vielleicht auf die Altenpflege insgesamt zu übertragen, nicht nur auf Demenzkranke beschränkt.