Die Pflege in Deutschland braucht mehr Pflegekräfte. Dann wiederum wird gesagt, dass einfach nicht genug qualifizierte Pflegekräfte zur Verfügung stehen, um die offenen Stellen zu besetzen, geschweige denn neu geschaffene Stellen zeitnahe auszufüllen. Eine gute Methode, die derzeit dem Problem begegnen soll, ist eine steigende Zahl ausländischer Mitarbeiter. Ein wichtiger Schritt, der allerdings noch nicht ausreicht. Schaut man dann jedoch auf die Geschlechterverteilung innerhalb des Pflegeberufes, erkennt man viel verschenktes Potential: denn – überspitzt formuliert – könnten wir fast doppelt so viele Pflegekräfte haben, einfach, wenn sich mehr Männer für diesen wichtigen Beruf begeistern könnten.

Das Problem sind veraltete Klischees

„Entfeminisierung“: Das ist der Fachbegriff für das, was in der Pflege nötig ist, um der wachsenden Zahl von pflegebedürftigen Menschen in Deutschland (soviel Wortspiel sei erlaubt:) Herr zu werden. Die Pflege braucht mehr Geld und mehr Anerkennung. Ein Teil dieser Anerkennung ist auch das Aufräumen mit Vorurteilen, und dazu gehört eben, dass die Pflege ein Frauenberuf sei. Dazu müssen alte Rollenklischees aufgebrochen werden: Die Klischees der fürsorglichen, aufopfernden Frau, die zu Hause bleibt und sich um andere kümmert, während die Männer rausgehen und die Wirtschaft ankurbeln, sind längst veraltet. Dazu gehört auch richtige Definition des Begriffs „produktiv“, der im allgemeinen Sprachgebrauch nach wie vor zu viel mit quantifizierbarem Erfolg und zu wenig mit zwischenmenschlichen Fortschritten zu tun hat.

Gesellschaft im Wandel

Ein Umdenken in der Gesellschaft findet längst statt – Wenn auch langsam. Mit Männlichkeitsklischees wird aufgeräumt, der Stereotyp des Mannes als „Macho“, der keine Emotionen zeigen darf gehört inzwischen in den meisten Kulturkreisen weitestgehend der Vergangenheit an. Das bedeutet allerdings noch lange nicht, dass die „emotionale Gleichberechtigung“ zwischen den Geschlechtern abgeschlossen ist. Nach wie vor werden an Männer andere Erwartungen gestellt als an Frauen und umgekehrt.

Das Denken über “typische Berufe” muss verändert werden

Das Umdenken wird daher auch durch Politik und verschiedene Aktionen gefördert: Vielen bekannt dürfte der „Girls‘ Day“ sein, eine Aktion, die seit Anfang der 2000er mittlerweile jährlich im April in Deutschland stattfindet. Hierbei geht es darum, Mädchen und Frauen dazu zu motivieren, technische und naturwissenschaftliche Berufe zu ergreifen – also Berufe, die weitgehend als „Männerberufe“ angesehen werden. Der „Boys‘ Day“ ist eine entsprechende Aktion für Jungen und Männer, die entsprechend an „typisch weibliche“ Berufe herangeführt werden sollen. Es gibt zu denken, dass diese Aktion nicht etwa als eigene Aktion ins Leben gerufen wurde, sondern quasi als Reaktion auf den älteren Girls‘ Day. Einer der vorgestellten Berufe: Pflegekraft.

Es reicht aber noch nicht

All diesen Klischees zum Trotz ist die Entwicklung positiv: In Bayern beispielsweise hat sich die Anzahl von männlichen Auszubildenden in der Altenpflege zwischen 2007 und 2017 fast verdoppelt: Immerhin 24% der Schüler waren männlich.

Dass sich „nur“ dreimal so viele Frauen wie Männer für die Pflege entscheiden, ist allerdings noch nicht normal – Teilweise überschreitet der Anteil von Frauen in Pflegebetrieben nach wie vor die 90%. Vielleicht wäre ein wichtiger Beitrag zu dem Thema, das Umdenken gar nicht erst ein Umdenken sein zu lassen. Denn wer ein Klischee nicht fest in sich verankert hat, muss nicht um-denken sondern einfach denken. Zukünftige Generationen können davon profitieren, wenn Eltern ihren Kindern die Geschlechterrollenklischees gar nicht erst beibringen, die unsere Gesellschaft gerade zu überwinden versucht.