Patienten mobilisieren kann anstrengend sein, denn Bewegung ist immer mit Kraft verbunden. Die Kunst ist es also, die richtige Bewegung zu finden, die so wenig Kraft wie nötig braucht. Diesem systematischen Bewegen widmet sich die Kinästhetik.

Was ist Kinästhetik?

Kinästhetik ist die Lehre von der Bewegungsempfindung. Kurz gefasst soll sie es ermöglichen, durch systematisches Beobachten und interagieren die bestmöglichen Bewegungsabläufe in einer gegebenen Situation zu finden. Kein Wunder also, dass die Wissenschaft in der Gesundheits- und Krankenpflege viel Anwendung findet. Denn wer noch mögliche Bewegungsabläufe gezielt unterstützt, benötigt wesentlich weniger Kraft als jemand, der gegen nicht mehr mögliche Bewegungsabläufe von Pflegebedürftigen Menschen ankämpft. Wenn eine pflegebedürftige Person sich z.B. also im Bett aufrichten möchte kann bedacht werden, in wie weit der betroffene Mensch sich selbst aufrichten kann. Was für eine Umgebung muss geschaffen werden, um den Bewegungsablauf möglichst eigenständig zu ermöglichen? Körperliche Einschränkung sind immer von Person zu Person unterschiedlich. Nicht für jeden und jede wird also die gleiche Technik helfen, aber häufig gibt es viel bessere Alternativen für Pflegekräfte als ihre eigene pure Kraft.

Grundsätzlich werden die Lehren der Kinästhetik in sechs Konzepten zusammengefasst:

Konzept 1: Interaktion

Wer nicht weiß, wo ein Problem liegt, wird dieses auch nur schwerlich lösen können. Und die besten Methoden, das herauszufinden, sind nach wie vor Fragen und Beobachten. Es ist wichtig die Signale von Pflegebedürftigen zu deuten: Leiden sie in bestimmten Situationen unter Stress oder Angst? Sind sie mit bestimmten Bewegungsabläufen überfordert? Pflegekräfte sollten so gut es geht motivieren, Bewegungen eigenständig auszuführen. Dies kann durch eine schrittweise ausgeführte Bewegung passieren, indem man die Bewegung in kleinere Teilschritte unterteilt oder durch Vorzeigen oder Anleitung dabei unterstützt. Manchmal sind die Patienten nicht in der Lage Bewegungen eigenständig zu vollziehen. In diesem Fall müssen die Pflegekräfte den Großteil der Bewegung für die Patienten übernehmen. Aber auch hier können die anderen Konzepte helfen, die erforderliche Kraft zu verringern.

Konzept 2: Funktionale Anatomie.

Vor allem die Knochen sind geeignet, um Gewicht zu tragen, während Muskeln vor allem dafür da sind, dieses Gewicht in kurzen Momenten der Anspannung zu verlagern. Dieses Verständnis der

Bewegen statt heben

menschlichen Anatomie ist für die Kinästhetik von großer Bedeutung, genauso wie die Kategorisierung des Menschlichen Körpers in „Massen“, wie Kopf und Brustkorb sowie „Zwischenräume“ wie Hals oder Leiste. Das Prinzip lautet: Nicht die Masse direkt bewegen, sondern indirekt über die Zwischenräume.

Konzept 3: Menschliche Bewegung

In der Kinästhetik wird zwischen zwei Bewegungsqualitäten unterschieden: Haltungsbewegungen und Transportbewegungen. In der Haltungsbewegung geht es darum, dass das Gewicht von Pflegebedürftigen verlagert werden kann, um einen Transport oder eine Bewegung besser zu ermöglichen. Die Transportbewegung ist die Bewegung durch den Raum. Sogenannte „Spiralbewegungen“ sind einfacher und mit weniger Kraftaufwand zu vollziehen als parallele Bewegungen. Hierbei werden die linke und die rechte Körperhälfte nacheinander mobilisiert, um weniger Gewicht zu bewegen. Wer schon einmal von krank und geschwächt im Bett lag, könnte das kennen: Statt sich energisch aufzusetzen und aus dem Bett zu steigen, dreht man in solchen fällen oft erst den Oberkörper zur Seite und hievt sich langsam, aber kräftesparend aus den Federn.

Konzept 4: Anstrengung

Jede Bewegung des Menschlichen Körpers besteht im Prinzip aus Ziehen oder Drücken. Durch die richtige Kombination wird ermöglicht, Anstrengungen zu minimieren. So sind zum Beispiel die Arme besser zum Ziehen geeignet, Brustkorb und Becken eher zum Drücken.

Ziehen und Drücken, das ist eigentlich alles.

Dieses Wissen sollte auf die möglichen Bewegungsabläufe angewendet werden. Auch hier ist die Nutzung von spiraligen Bewegungsabläufen hilfreich. Indem man dem Patienten anleitet aktiv zu ziehen und zu drücken, kann die Pflegekraft bei der Mobilisierung unterstützt werden.

Konzept 5: Menschliche Funktion

Gerade beim Arbeiten am Krankenbett sind Pflegekräfte meistens nach vorne gebeugt, Patienten sitzen oder Liegen meistens. Die Wirbelsäule sollte, wenn möglich, immer wieder abwechselnd be- und entlastet werden. Zum Beispiel kann sich die Pflegekraft vor und nach einer Tätigkeit bewusst aufrichten, um die Wirbelsäule und die Rumpfmuskulatur in ein entspanntes Gleichgewicht zu bringen. Auch das Wechseln der Bettseite beim Arbeiten kann den nötigen Ausgleich bringen.

Konzept 6: Umgebung

Bewegungsabläufe hängen sind natürlich auch stets an die Umgebung angepasst, in der sie stattfinden. Dazu gehören auch Hilfsmittel, die körperliche Entlastung bringen können.

Mit Köpfchen den Rücken schonen

Gerade in der Pflege sollte man auf Stütz- und Haltungsapparate zurückgreifen, um die zahlreichen Belastungen zu reduzieren. Man sollte sich bewusstmachen, welche Hilfsmittel benutzt werden können, um die Bewegung der Patienten so angenehm wie möglich zu gestalten. Das ist natürlich immer von der jeweiligen Situation und den Möglichkeiten der pflegebedürftigen Person abhängig. Generell gilt jedoch: Gute Planung kann in den allermeisten helfen, die körperliche Belastung im Pflegeberuf deutlich zu minimieren.