Dass nicht alle Kollegen beste Freunde sein können, ist klar. Manchmal flammen jedoch Konflikte auf, die die tägliche Arbeit fast schon zur Qual machen können. Wir zeigen, was passieren kann und was hilft.

Konfliktfaktoren in der Pflege

Der Berufsalltag in der Pflege kann stressig und hektisch sein. Deshalb kann es manchmal wichtig sein, bei Kollegen Rückhalt und Unterstützung zu finden. Doch diese stecken vielleicht ihrerseits in ähnlichen Situationen, können mal einen schlechten Tag haben, oder schlichtweg kann die Chemie unter bestimmten Kollegen einfach nicht stimmen. Mögliche Folge: Statt Unterstützung zu finden, kommt es zu Streitigkeiten oder bestimmte Kollegen enthalten bestimmten anderen Kollegen diese Unterstützung bewusst vor. Werden solche Spannungen nicht relativ frühzeitig beigelegt, können sie sich verhärten und früher oder später eskalieren. Um das zu vermeiden ist es hilfreich, zu erkennen, wie verhärtet der Konflikt bereits ist.

Ein Drama in drei Akten

Ein etabliertes Modell zur Untersuchung von Konflikten ist das Phasenmodell der Eskalation, das Friedrich Glasl 1980 vorstellte. Darin stellt er neun Stufen vor, in der ein Konflikt intensiver wird, die sich wiederum in drei größere Abschnitte teilen lassen: „win-win“, „win-lose“, und „lose-lose“. Die Benennung der Abschnitte bezieht sich auf das Ergebnis, wenn der Konflikt an dieser Stelle beigelegt wird: Wo zu Beginn noch beide Parteien noch aus dem Streit lernen und so sogar etwas gewinnen können, gibt es später nur noch einen Gewinner, während bei einem weit eskalierten Streit beide Parteien verlieren.

Der Beginn der Streitigkeiten

In der ersten von Glasls drei Phasen entsteht der Konflikt gerade erst. Meist wird hier zunächst noch gar kein größeres Problem erkannt, es prallen lediglich öfter einmal Meinungen aufeinander.

Phase 1: „Ich hab‘ Recht, du hast Unrecht.“

Erst, wenn sich diese Meinungen verhärten und es beiden Parteien immer wichtiger wird, die jeweils andere von den eigenen Ansichten zu überzeugen, kann das Problem wachsen. Zunächst wird verbissen debattiert, später folgen auf Worte Taten und man beginnt, das Gegenüber unter Druck zu setzen, um die eigene Position durchzusetzen.

Neues Ziel: Sieg

Wenn es nicht mehr nur darum geht, das Gegenüber zu überzeugen, sondern darum, zu „gewinnen“, dann ist das ein deutliches Zeichen, dass ein Konflikt sich verhärtet hat.

Phase 2: „Meine Meinung ist die, die zählt.“

Spätestens jetzt kann er auch im Kollegium als Problem erkannt werden – und das nicht zuletzt dadurch, dass die Streitenden beginnen sich Verbündete zu suchen. Es wird versucht, die Gegnerin oder den Gegner in ein schlechtes Licht zu rücken. Der Konflikt breitet sich aus, bis es sogar zu offenen Drohungen kommt.

Wenn alle verlieren

Geht ein Konflikt in die letzte Phase, haben beide Parteien jeden Respekt voreinander verloren. Ging es vorher noch darum, dass man selbst irgendwie gewinnt, ist das einzige Ziel jetzt noch, dass der „Feind“ verliert.

Phase 3: „Ist doch egal, wer Recht hat – Hauptsache, du leidest.“

Das geht soweit, dass man selbst in Kauf nimmt, dass es einem schlecht geht, solange man dadurch sicherstellen kann, dass es dem Gegner noch schlechter geht. Mit Menschlichkeit hat das nicht mehr viel zu tun. Irgendwann genügt selbst das nicht mehr und es soll nicht nur der ursprüngliche Gegner oder die ursprüngliche Gegnerin leiden, sondern alle, die auf deren Seite stehen. Erreicht ein Konflikt dieses Stadium, kann ein ganzes Kollegium darunter leiden. Wenn der Hass groß genug ist, dann nennt Friedrich Glasl die letzte Konfliktstufe „Gemeinsam in den Abgrund“: Selbst der eigene Untergang wird als Mittel akzeptiert, wenn man denn den Gegner wenigstens mit ins Verderben reißen kann.

Eskalation vermeiden

An den Phasen wird eines sehr deutlich: Je früher man einen Konflikt erkennt und versucht ihn zu beenden, desto besser sind die Erfolgsaussichten. Gerade zu Beginn der Streitigkeiten haben die Konfliktparteien selbst noch alle Möglichkeiten eine Verhärtung der Fronten zu vermeiden. Wichtig ist hier vor allem die Kenntnis, was die Ursache ist. Einsicht hilft viel: Zum Beispiel die Einsicht, dass verschiedene Meinungen sich nicht immer gegenseitig ausschließen müssen. Sie können sich auch einfach ergänzen. Je weiter ein Konflikt voranschreitet, desto auswegloser wird es für die Betroffenen sich selbst zu helfen. Ab einem gewissen Stadium ist es nötig, dass Hilfe von außen kommt, denn häufig sind dann die Fronten bereits zu sehr verhärtet. Kollegen können als Vermittler helfen. Zumindest bis zu einem gewissen Grad – denn ein bis zum Ende eskalierter Konflikt kann oft nur noch per Gericht und mit Zwang beendet werden. Soweit sollte man es also gar nicht erst kommen lassen. Vielleicht hilft ja dieser Beitrag der einen oder dem anderen, auf Konflikte im Kollegium besser zu achten. Einerseits in Selbstbetrachtung, um vielleicht eigene aufkeimende Konflikte frühzeitig als solche zu erkennen und zu beenden. Oder aber, um als vermittelnde Instanz streitenden Kollegen hilfreich zur Seite zu stehen.