Um Scham im Pflegealltag zu bekämpfen, gilt es nicht Tabus zu brechen, sondern sie aufzubrechen.

In der Debatte oft vergessen

Meist sind es Zeitdruck und körperliche Belastung, die beim Thema Pflegeberuf als die größten Schwierigkeiten gesehen werden. Wohl gerade deswegen, weil diese Aspekte vergleichsweise gut quantifizierbar sind. Anders sieht das bei einem Aspekt aus, der von Fall zu Fall und von Pflegekraft zu Pflegekraft mitunter doch sehr unterschiedlich ausfallen kann: Scham.

Scham lässt sich nicht in Zahlen greifen.

Jeder Mensch ist unterschiedlich darin, was die Situationen angeht, in denen sie oder er Schamgefühle verspürt. Sie wird sich in Pflegeberufen, in denen es nun einmal manchmal nötig ist, die Privatsphäre von Menschen zu betreten und auch Intimpflege zu machen, auch nie ganz umgehen lassen. Weder bei den pflegebedürftigen Betroffenen, noch beim Pflegepersonal und gerade dann, wenn eine neue Patientin oder ein neuer Patient zu betreuen sind. Umso wichtiger ist also ein offener, würdevoller und erwachsener Umgang mit Schamgefühlen – Und zwar mit Blick auf beide Seiten.

Scham ist wichtig

So ziemlich jede menschliche Emotion hat ihre Daseinsberechtigung. Scham, so unangenehm sie im Moment des Erlebens auch ist, bildet hier keine Ausnahme. Denn sie hilft uns, gegenüber anderen Grenzen zu haben und so unsere Persönlichkeit und unser Selbst zu schützen. Schamreaktionen von anderen helfen uns im Gegenzug, deren Grenzen zu erkennen und sie zu respektieren. In einem Pflegeverhältnis kann nun jedoch genau dies zum Problem werden. Gerade, wenn eine neue Pflegekraft kommt, ist es für viele Betroffene sehr schwer: Sich vor Fremden ausziehen und von ihnen berühren lassen? Das klingt für viele wie purer Horror. Oft wird aber vergessen, dass auch die Pflegekräfte selbst in solchen Situationen manchmal mit ihren eigenen Schamgefühlen zu kämpfen haben.

Der Umgang lässt sich lernen

Die Thematisierung von Scham- und Ekelgefühlen gehören zu einer guten Ausbildung in der Pflege mittlerweile dazu. Aber Theorie ist das eine und Praxis etwas anderes. Über Scham zu sprechen oder in theoretischen und betreuten Situationen auf sie vorbereitet zu werden kann zwar richtig angegangen viel helfen – Letztendlich mit ihr konfrontiert zu werden ist aber trotzdem für jeden Menschen anders. Die schlechte Nachricht zuerst: Vollständig weg geht das Gefühl nie. Es gibt immer mal besondere Situationen, die auch den erfahrensten Veteranen unbehaglich sind. Aber völlig schamlos zu sein sollte auch für keinen Menschen ein erstrebenswertes Ziel sein.

Viel wichtiger ist die gute Botschaft: Man lernt als Pflegekraft mit ihr umzugehen.

Über die kleinen alltäglichen Peinlichkeiten des Alltags lernt man zu lächeln und versteht, dass mit der richtigen Einstellung eigentlich alles halb so wild ist. Man sollte jedoch nicht außer Augen verlieren, dass es für Patienten auch dann noch schwer ist, die Pflegekräfte Erfahrung sei Dank ganz locker arbeiten können. Deshalb sollten diese dann auch eines:

(Scham)-Kompetenz weitergeben

Scham entsteht beim Brechen von Tabus. Wer es schafft diese Tabus aus der Welt zu schaffen, bekämpft damit also auch effektiv die Scham. Und Tabus schafft man eben damit am besten aus der Welt, indem man über sie spricht. Dass das anfangs unangenehm ist und sogar selbst ein gewisses Schamgefühl auslösen kann, ist völlig normal. Wichtig ist es trotzdem: Pflegekräfte haben zunächst aus der Ausbildung und später auch durch eigene Erfahrung bereits eine bestimmte Kompetenz im Umgang mit Scham. Diese zu vermitteln erlaubt es auch Patienten, mit der eigenen Scham lockerer umzugehen. Die eigene Schamkompetenz weiterzugeben ist übrigens ebenfalls eine Kompetenz, die mit wachsender Erfahrung immer leichter fällt. Und wer mit Pflegebedürftigen und Angehörigen ein professionelles, aber auch vertrautes Verhältnis aufbauen kann, hat den allerwichtigsten Schritt bereits getan.